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Getreten von zwei Millionen Füßen: Weltjugendtag
bedeutet auch für den Boden immensen Stress
Vor 20 Jahren erinnerte das Marienfeld bei Kerpen an eine Mondlandschaft.
Seit 1986 wird das ehemalige Tagebaugebiet rekultiviert, gilt aber
immer noch als besonders empfindlich. Wenn Papst Benedikt XVI. am
21. August auf dem Marienfeld die Abschlussmesse zum Weltjugendtag
hält, werden knapp eine Million Paar Füße das Erdreich malträtieren.
Ein Bodenkundler der Universität Bonn untersucht den Zustand des
Geländes vor und nach dem Weltjugendtag. Ziel ist es, zu verhindern,
dass die Aufbauarbeit von zwei Jahrzehnten binnen zwei Tagen zunichte
gemacht wird.
Mit wuchtigen Schlägen rammt Johannes Botschek die gut einen Meter
lange Stahlröhre in den Boden. Er legt den großen Plastikhammer
ins Gras, hakt einen dünnen Hebel in die Röhre ein und dreht sie
damit einmal um die eigene Achse. Dann zieht er sie sanft aus dem
Erdreich. Übrig bleibt ein kleines Loch, kaum dicker als zwei Daumen.
Die ausgestanzte Erdwurst steckt nun in der Stahlröhre. Gleich geht
sie ins Labor, wird in drei Teilwürste zerschnitten, gewogen, getrocknet
und wieder gewogen. Und dann weiß Botschek, wie feucht der Boden
an der Stelle, wo nun das Loch ist, in verschiedenen Tiefen war.
"Wer gefragt wird, worauf man bei der Planung des Weltjugendtags
so alles achten muss, nennt vielleicht noch die Tausenden von Klohäuschen,
die aufzustellen sind", sagt der Bodenkundler. "Was es bei falscher
Planung für den Boden bedeuten kann, wenn mehr als 900.000 Menschen
auf ihm herumtrampeln, daran denken wohl die Wenigsten." Er zerreibt
nachdenklich ein Krümelchen Erdreich zwischen Daumen, Zeige- und
Mittelfinger. Es fühlt sich schmierig an - Indiz dafür, dass der
Krümel aus extrem feinen Körnchen besteht. Wer weiß, wie's geht,
kann allein mit seinen Fingerkuppen viel über den Boden erfahren.
920.000 Pilger erwarten die Organisatoren des Weltjugendtags zur
Abschlussveranstaltung am 20. und 21. August, vielleicht werden
es auch mehr: Schließlich wird Papst Benedikt XVI. die Messe halten,
das könnte für einen zusätzlichen Schwung deutscher Besucher sorgen.
Veranstaltungsort ist ein ehemaliges Tagebaugelände in der Nähe
von Kerpen, das so genannte Marienfeld."Vor 20 Jahren hat man die
Fläche zugeschüttet und abschließend mit einem Meter Löss bedeckt",
erzählt Botschek.
Rund 200 Hektar werden dort momentan für den Tag X präpariert:
50 Kilometer Vliesgewebe hat die verantwortliche Baufirma auslegen
und mit einer 30 Zentimeter hohen Schicht aus Lava-Schlacke bestreuen
lassen. Über diese schachbrettartig angelegten Wege rollen nun die
Bauwagen. Die Schlacke soll den Druck besser verteilen und verhindern,
dass der Boden zu sehr verdichtet. "Das Gelände ist noch immer empfindlich",
erklärt der Bodenkundler. Zwar durchwurzeln dort seit zwei Jahrzehnten
Lupine, Luzerne und Klee das Erdreich, machen es elastisch und sorgen
für eine gute Durchlüftung. Bodenbakterien und Pilze tragen dazu
bei, dass die Erdkrümel miteinander verkleben.
Über die Jahrhunderte würde sich so normalerweise ein stabiles
dreidimensionales Geflecht bilden, das den Boden unempfindlicher
gegenüber Belastungen macht. "Doch so weit ist das Gelände hier
noch nicht", stellt Dr. Botschek fest. Er schraubt eine lange Stahlnadel
an ein grünes Messgerät, setzt die Spitze auf den Boden auf und
schiebt die Nadel dann mit gleichmäßiger Geschwindigkeit ins Erdreich.
Das Messgerät registriert währenddessen den Druck, den er ausüben
muss, und produziert daraus eine zackige Kurve. "Hier musste ich
stärker drücken", sagt der Wissenschaftler und deutet auf einen
Ausschlag. "In dieser Tiefe ist der Boden bereits ein wenig verdichtet."
Grau wie schlecht durchblutete Haut
An 750 verschiedenen Stellen auf dem Weltjugendtags-Gelände hält
Botschek so Verdichtungsgrad und Feuchte fest. "Bislang ist der
Zustand des Geländes überraschend gut", resümiert er. Nach dem 21.
August folgt dann ein zweiter Durchgang. "So können wir sehen, wo
der Boden durch die Veranstaltung geschädigt wurde, und entsprechend
reagieren." Denn ist der Boden zu stark verdichtet, wächst darauf
später nichts mehr. Es bilden sich große Pfützen, der Sauerstoffgehalt
im Boden sinkt, die Wurzeln verkümmern. Das Eisenoxid, das die Äcker
normalerweise braun färbt, durchläuft durch den Sauerstoffmangel
eine chemische Metamorphose: Das kranke Erdreich bekommt graue Flecken
wie schlecht durchblutete Haut. Daher ist es wichtig, Verdichtungen
rechtzeitig zu behandeln. Mit speziellen "Pflügen" kann man das
Erdreich wieder lockern, ohne die Bodenstruktur weiter zu schädigen.
Botschek hat an der Universität Bonn habilitiert; vor anderthalb
Jahren hat er sich mit der Umweltberatung EnviCon selbstständig
gemacht. Seitdem berät er Gemeinden, Verbände und Firmen zum Thema
Bodenschutz. Auf dem Weltjugendtags-Gelände gehe man sehr umsichtig
zu Werke, bescheinigt er den Verantwortlichen. Kleinere Schäden
seien aber bei aller Vorsicht nicht auszuschließen. So wird momentan
ein 10 Meter hoher Hügel aufgeschüttet, damit der Papst bei der
Abschlussmesse auch von jedem Pilger zu sehen ist. Der fertige Hügel
soll 1.900 Personen Platz bieten; 152.000 Tonnen Kies und Sand werden
dafür herangekarrt. Wie das der Boden verkraftet, bleibt abzuwarten.
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft IDW (01.06.05) http://www.idw-online.de
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