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Agrar-Orakel "made in Europe"
Was passiert, wenn die EU-Zölle auf Agrarprodukte gesenkt werden?
Profitieren die Entwicklungsländer tatsächlich so stark wie angenommen?
Und wie sind die Auswirkungen innerhalb der Europäischen Union?
Rund dreißig Arbeitsgruppen aus ganz Europa - darunter auch Forscher
der Universität Bonn - arbeiten in den nächsten vier Jahren zusammen,
um die Effekte agrar- und umweltpolitischer Entscheidungen prognostizierbarer
zu machen. Die EU fördert das grenzüberschreitende Projekt mit 15
Millionen Euro.
Seit dem Jahr 1992 vollzog die Europäische Union in drei Reformschritten
einen drastischen Wechsel in der Agrarpolitik: Wurden durch das
Brüsseler Geldsäckel zuvor einzelne Produkte subventioniert, indem
die EU für Eier, Rindfleisch oder Weizen Garantiepreise zahlte,
erhält heute jeder Landwirt in der EU jährlich einen bestimmten
Betrag für die Landfläche, die zu seinem Hof gehört - selbst wenn
er sie gar nicht bebaut. Die Folge dieser kleinen Revolution waren
vielfältig: Da die Rinderzucht nicht mehr direkt subventioniert
wurde, nahm die Fleischproduktion ab; weniger Tiere erzeugen aber
auch weniger umweltschädliche Gülle. Auf vielen Feldern wuchs nach
Wegfall der Stützzahlungen statt Weizen fortan Tierfutter, das seinerseits
weniger Dünger benötigt. Die Belastung des Grundwassers durch Nitrate
und Phosphate nahm daher ab, ebenso wie die Menge der Klimagase:
Jede Kuh "rülpst" täglich bis zu 300 Liter des Klimakillers Methan
in die Luft - je weniger Rinder, desto besser also für die Umwelt.
Andererseits gingen durch die Brüsseler Geldspritze die Preise
für Agrarland in die Höhe - schließlich bedeutete jeder Hektar eigene
Scholle fortan bares Geld, und das ohne Risiko. Zudem sanken die
Exporte von Rindfleisch; die Importe gingen im Gegenzug in die Höhe.
Die mit der Fleischerzeugung verbundenen Probleme verlagerten sich
daher zumindest zum Teil ins Ausland. "Das Beispiel verdeutlicht
höchstens annähernd, wie komplex die Effekte agrarpolitischer Entscheidungen
sind", erklärt Dr. Wolfgang Britz vom Institut für Agrarpolitik,
Marktforschung und Wirtschaftssoziologie der Universität Bonn. "Wir
entwickeln daher computergestützte Szenarien, auf deren Basis die
Politiker entscheiden können."
Es gibt halt viele Stellschräubchen, an denen die Politik drehen
kann, und nicht immer sind die Folgen wie geplant. Die Wissenschaftler
um Professor Dr. Thomas Heckelei haben daher eine Simulationssoftware
entwickelt, die in die Zukunft sehen kann: "CAPRI Modelling System"
heißt das Agrar-Orakel, das die Bonner schon seit 1997 immer weiter
ausbauen und verfeinern. Das System kann die agrarwirtschaftlichen
Zusammenhänge bereits recht gut abbilden. Schwächen hat es dagegen
bei biophysikalischen Zusammenhängen - wenn es beispielsweise um
die Auswirkungen einer veränderten Düngepraxis auf Pflanzenwachstum
oder Grundwasserverschmutzung geht. "Mit diesen Fragen beschäftigen
wir uns primär nicht, dafür gibt es in Europa andere Spezialisten",
sagt Dr. Britz.
Das EU-Projekt SEAMLESS (nahtlos) soll vorhandenes Know-how bündeln:
Rund 80 Forscher aus 13 Ländern versuchen in den nächsten vier Jahren,
aus den verschiedenen Prognosemodellen, die in Europa bereits existieren,
ein großes Gesamtpaket zu schnüren. Ziel ist letztlich eine gemeinsame
Software für ganz Europa, die die Auswirkungen politischer Entscheidungen
auf dem Agrarsektor über einen Zeitraum von zehn und mehr Jahren
zumindest tendenziell prognostizieren kann.
In anderthalb Jahren soll der erste Prototyp stehen. Das Interesse
der Politik ist groß: 40 Prozent des EU-Gesamtbudgets fließen in
den Agrarbereich - 2004 waren das knapp 50 Milliarden Euro. Rund
15 Millionen Euro lässt sich die EU SEAMLESS daher kosten, von denen
700.000 an die Uni Bonn fließen.
Quelle: Informationsdienst Wissenschaft IDW (31.03.05) http://www.idw-online.de
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